Meister YUCHOKU HIGA übt Karate im Mondlicht



Bemerkungen: Original japanischer Titel „Kyudo Mugen: Karate No Michi“, geschrieben von einem Reporter der monatlich erscheinenden Zeitung „Aoi Umi“ in der Februarausgabe Nr. 70 veröffentlicht von Shuppansha Aoi Umi (Seiten 96-97).

„Sehr rhythmische und schöne Bewegung!“ lobte ein Musiker, der nicht aus Okinawa stammte, als er eine Aufführung von Shorin-ryu Karate in Okinawa sah. Es ist natürlich, dass der Musiker beeindruckt war, denn die Kata im Shorin-ryu besitzen nicht nur Elemente des Kämpfens, sondern auch ästhetische Elemente. Die Kata hat Kraft in der anmutigen und fließenden Bewegung, ohne dass wir dies äußerlich sehen können. Es wird gesagt, dass Shorin-ryu mehr ein aggressives Karate ist, obwohl seine Bewegungen mehr sanft und sacht sind. Wird ein Gegner angegriffen, so sieht dies wie Tanz aus. Shorin-ryu ist dem Okinawanischen traditionellen Tanz in der Stellung der Taille und der Bewegung von Händen und Füßen ähnlich. Deshalb kommen einige okinawanische traditionelle Tänzer ins Dojo, um Karate zu studieren.

„Ja, wie das. Du hebst deine Hand. Und senkst sie. Du machst es schnell. Du machst es langsam“, sagte Herr Higa Yuchoku. Wenn du Rhythmus in die Karatekata hinzufügst, wird sie zum traditionellen Okinawatanz.

Meister Higa Yuchoku ist der Hauptlehrer von „Kyudokan“, einem Shorin-ryu Karatedojo. Er hat einen kräftigen Körperbau wie ein Krieger, weil er Karate schon seit langer Zeit trainiert. Aber als Junge war er dünn und hatte einen schwachen Körperbau. Higas Großvater sorgte sich um seinen schwachen Enkelsohn, so nahm er ihn zu dem Haus von Meister Funakoshi Gichin, seinem Cousin, und ließ ihn dort bei Meister Funakoshis Familie. Der Großvater hoffte, dass Higa von Meister Funakoshi Karate lernen würde und gleichzeitig Meister Funakoshi seinem Enkel mit seinen Studien helfen würde. Zu dieser Zeit arbeitete Meister Funakoshi als Lehrer in einer Schule. Vier Tage später lief Higa, der gerade in der vierten Klasse der Grundschule war, von Meister Funakoshis Haus weg und ging zurück zu seinem Haus. Er war sehr verängstigt und fühlte sich einsam, als er getrennt von seiner Familie lebte. Jedoch konnte der Großvater nicht seine Idee vergessen, also versuchte er es erneut als Higa in der 6. Klasse der Grundschule war. Dieses mal nahm sein Großvater Higa zum Haus von Meister Miyagi Chojun, dem Begründer des Goju-ryu Karate. Aber wieder entfloh Higa von Meister Miyagi Chojun’s Haus. Er sagt zu seinem Großvater, „Bitte, bitte zwinge mich nicht, Karate zu lernen.“ Schließlich gab der Großvater auf und nahm ihn nie wieder zu irgend einem Karatemeister.

Als Higa mit 16 Student der Naha Commercial High School war, wollte er Karate lernen. Er war physisch schwach, dünn und blass. Er hatte auch eine leicht gebeugte Haltung. Darüber hinaus war er ein Bücherwurm. Er mochte es sehr, Bücher zu lesen. Higa war ein leichtes Opfer zum tyrannisieren. In der Schule wurde er oft gehänselt, sodass er nur noch ungern zur Schule gehen wollte. Er war so sehr deprimiert, dass er sogar an Selbstmord dachte. Aber er änderte seine Meinung. Er dachte, dass er jederzeit sterben könne. „Ich werde mich irgendwann rächen“, sagte Higa zu sich. So entschloss er sich mit dem Lernen von Karate zu beginnen.

„Das Motiv zum Erlernen von Karate war nicht rühmenswert. Ich dachte nur, dass ich mich eines Tages für die Hänseleien rächen würde. Ha ha ha!“, sagte Higa lachend. Zuerst lernte er Karate von Shiroma Jiro, Meister des Shuri-te Stils. Und später lernte er von Meister Shinzato Jin-an (Naha-te Stil), Meister Miyara Seiei (Shuri-te Stil) und Meister Chibana Choshin (Shuri-te Stil). Meister Shiroma Jiro sagte immer, „Rede nicht über Karate. Zeige es nie vor.“ Er warnte uns, dass wir dahin tendierten, unsere Stärke zu zeigen, wenn wir Karate lernten.

Ohne ehrenhaften Beweggrund begann er also, Karate zu lernen, aber seine Sichtweise auf Karate änderte sich durch das Training. Als er 26 Jahre alt war, widmete er sich dem Karateüben nach dem Motto „Beste Verteidigung ist Angriff“. Heutzutage allerdings rennt er schnell weg, wenn ein betrunkener Mann ihn belästigt. Es ist ein Sieg ohne Kampf. Eines Tages sah ein Freund von Higa wie dieser von einem betrunkenen Mann beleidigt wurde. Higa rannte vom Betrunkenen weg, ohne zu kämpfen. Einige Tage später sagte der Freund zu Higa: „ An diesem Tag dachte ich, ich könnte einen richtigen Kampf eines Karatemeisters sehen.“ Higa antwortete darauf: „ Ich weis, dass ich ihn hätte besiegen können falls ich gekämpft hätte, also lief ich weg. Als ich weglief, gewann ich den Kampf. Mein Gegner muss gedacht haben, dass er den Kampf gewonnen hat als ich weglief. Beide von uns dachten, sie hätten den Kampf gewonnen, also ist es kein Problem. Es ist alles in Ordnung.“ Genau das ist ein Sieg ohne kämpfen.

Die Mottos von Kyudokan, Meister Higas Karatedojo, sind wie folgt:
1. Vermeide es, zu kämpfen oder zu streiten
2. Respektiere die Älteren und sorge dich um die Jüngeren.
3. Moral und gute Manieren im Karatedojo beeinflussen die Gemeinschaft.

Die Zahl der Schüler, die im Kyudokan geübt haben, übersteigt zehntausend. Zur Zeit üben circa 40 Schüler Karate im Kyudokan. Letztes Jahr (1977) ging Meister Higa Yuchoku nach Argentinien auf Einladung von dem argentinischen Zweig vom Kyudokan. Es gibt 51 Dojos, die vom Kyudokan beeinflusst sind und ungefähr 5,800 Schüler in Argentinien. Im Februar und April diesen Jahres (1978) werden Schüler von Meister Higa nach Peru und Brasilien gehen, um dort Karatedojos zu öffnen.

1972 wurde für Meister Higa ein wunderschönes Karatedojo von seinen Unterstützern gebaut. Jedoch denkt Meister Higa selbst, dass zum Üben von Karate ein Dojo nicht notwendig ist. Er sagte, „Bevor das Dojo gebaut wurde, übte ich auf dem Hof oder im Garten meines Hauses Karate. Dort gab es Gajimaru (ein Baum) und Sakura (Kirschblüten). Ich liebte es, dort Karate im Mondlicht zu üben. Ich denke, wenn wir Karate an einem Platz umgeben von den Schönheiten der Natur üben, verschmolzen in der Natur, dann können wir einen wundervollen Wert von Karate sehen und damit Karate besser verstehen.“

Higa kritisiert außerdem Karatewettkämpfe und Karate als Sport. Er sagte, „Es ist nicht Karate, wenn du deinen Schlag stoppst, bevor er den Gegner trifft. Aber wenn du wirklich kämpfst, sind Verletzungen oder Schlimmeres unvermeidbar. Im Grunde genommen ist Karate nicht für Wettkämpfe geeignet. Es ist unmöglich, Karate zu einem Wettkampfsport zu machen.“

„Kyudo Mugen.“ (=Karate studieren und nach der Wahrheit suchen ist....) Dies ist ein Wort von Meister Higa Yuchoku, der nun seit mehr als 50 Jahre Karate trainiert. Der Name seines Dojos, „Kyudokan“, ist von diesem Wort abgeleitet. Es gibt kein Ende beim Meistern von Karate. Wenn wir nach der Wahrheit suchen, wird der Weg dorthin immer weiter.
 


Englische Übersetzung : © by Sanzinsoo, Okinawan Gojuryu Karate
mit freundlicher Genehmigung von Sanzinsoo
Deutsche Übersetzung : Salome Hohlfeld © 2005 by Karate-Dojo Kusunoki, Budo Studien Kreis
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letzte Änderung am 28. Mai 2005