TERUYA KISHIN (1804-1864)




TERUYA KISHIN (auch Teruya Ki), einer der wichtigsten Lehrer des Tomari te der ersten Generation, wurde 1804 in Tomari geboren.
Seine Lieblingskata waren Passai und Wanshu. Es gibt Quellen, die behaupten, Teruya sei in China gewesen und hätte dort Kampfkünste erlernt.
Er hatte zwei Schüler, die die Entwicklung des Tomari te entscheidend beeinflussen sollten : MATSUMORA KOSAKU und OYADOMARI KOKAN. Beiden brachte er die Kata Passai, Wanshu und Rohai bei.
Matsumora bezeichnete Teruya als seinen eigentlichen Lehrer, obwohl er bereits vorher drei Jahre bei UKU GIKO gelernt hatte. NAGAMINE SHOSHIN beschreibt in seinem Buch Tales of Okinawa's Great Masters einige interessante Episoden aus dem Leben Matsumoras, wobei auch Teruya mehrfach erwähnt und über dessen Beziehung zu Matsumora berichtet wird. Hier die deutsche Übersetzung :
 
Meister Teruya lernte Matsumoras Enthusiasmus, Fleiß und bemerkenswertes Talent so sehr zu bewundern, dass er ihn schließlich einlud, sein Training am Familiengrab fortzusetzen. Dort enthüllte Meister Teruya Kosaku das Bunkai (Training der Anwendung), so dass er verstehen konnte, wie die Kata praktisch zu verwenden waren. Das Familiengrab lag in der Nähe von Ameku Seige, weit entfernt von den neugierigen Augen der Einwohner Tomaris. 
Ein Abkömmling von Bushi Matsumora Kosaku, Matsumora Kousho, entschlüsselte die Geschichte des Teruya Familiengrabes für mich im Februar 1973. Es wurde im Januar 1774 (entsprechend dem Mondkalender) fertiggestellt, maß 144 Tsubo (475,2 m), und 122 Steinmetze mussten 48 Tage arbeiten, um seine Konstruktion zu vollenden, die nach heutigem Standard 300.000 US Dollar kosten würde. Die Okinawaner verehren ihre Ahnen zutiefst, und wenn sie ein Grab besuchen, falten sie in religiöser Andacht die Hände zum Gebet, als wäre der Geist ihrer Ahnen noch in dem Grab. Ohne an die Kosten zu denken, geben sie enorme Geldbeträge für den Bau ihrer Familiengräber aus.
In den Augen eines Okinawaners war nichts so wichtig wie der Charakter oder die Persönlichkeit eines potentiellen Deshi (Schüler) im Karate. Es gab und gibt in gewissem Maße noch immer das ungeschriebene Gesetz, dass Karate nie an jemanden weitergegeben werden sollte, der unhöflich, arrogant oder respektlos ist, und das galt auch für die Brüder und Kinder aus der Familie des Meisters. Der Grund, aus dem Meister Teruya Matsumora am Familiengrab unterrichtete, lag nicht nur darin, dass er so talentiert war, sondern vor allem darin, dass er ein maßvoller und aufrichtiger Mensch war; ein Mann, der verstand, dass die Essenz des Karate in Shingitai liegt und dessen Prinzipien zutiefst verstanden hatte. Für Meister Teruya war Matsumora der perfekte Deshi. Daher tauschten Meister und Deshi am Familiengrab vor Teruyas Ahnen einen aufrichtigen Eid. Matsumora wurde durch diese Ehre in seiner Hingabe, seinem Wohlverhalten und seinem Enthusiasmus bestärkt und setzte sein Training noch härter fort als jemals zuvor.
Ungefähr 200 m vom Familiengrab entfernt gab es eine Höhle, die scherzhaft Furuherin genannt und von einem Einsiedler als Zuflucht genutzt wurde. Da er dort lebte, bemerkte er den täglichen Austausch zwischen Meister und Schüler bald und beobachtete sie oft heimlich beim Training. Als Matsumora eines Tages allein seine Kata übte, führte er mit einem scharfen Kiai einen Fußtritt aus. Als er sich zur nächsten Bewegung umdrehte, hatte er unerwartet Augenkontakt mit dem Einsiedler, der sich beim Erkennen von Matsumoras Gegenwart einfach umdrehte und lässig in die Höhle zurückging. In einer Zeit, in der die Übung der Kampfkünste so geheim gehalten wurde, war Matsumora überrascht von dem Mangel an Neugier dieses Mannes. Matsumoras Intuition sagte ihm, dass an diesem Einsiedler etwas besonderes war. Ungeachtet dessen beendete er sein Training und ging an diesem Tag früh nach Hause zurück. In dieser Nacht konnte Matsumora nicht sofort einschlafen, weil er voller Erwartung an sein Training am frühen Morgen dachte. Ungeduldig wartete er auf die Morgendämmerung, lief zum Haus seines Meisters und erzählte ihm von dem alten Mann in der Höhle. Meister Teruya antwortete: „Er klingt ziemlich geheimnisvoll, du solltest hingehen und ihm selbst einen Besuch abstatten.“
An diesem Abend stattete Matsumora dem alten Mann in der Höhle einen höflichen Besuch ab und wurde mit einem Lächeln begrüßt. Der Einsiedler entschuldigte sich bei Matsumora für die Störung seines privaten Trainings und lobte die Stufe seiner Meisterschaft. Er zog ein altes Stück Papier aus seiner Kleidung, reichte es Matsumora und verließ ruhig die Höhle. Auf dem Papier stand folgende Inschrift: „Bu wa shinjitsunari. Kokoro wa kokoro o motte migaku. Shikashi gi wa taizan yori omoshi. Kore bu no shinzui nari.” Nachdem er das Papier studiert hatte, schaute sich Kosaku nach dem Einsiedler um, doch er konnte ihn in der Dunkelheit nirgendwo finden. Er rief nach dem alten Mann, doch er bekam keine Antwort. Er wartete sogar auf seine Rückkehr, doch vergebens. Der Fremde war fort. Zögernd ging Matsumora nach Hause. Als er seinem Meister das Papier zeigte, sagte Teruya nur: „Genau!“, doch ansonsten kein weiteres Wort.
Von dem mysteriösen Einsiedler wurde nie wieder etwas gehört oder gesehen. Matsumora dachte über die tieferliegende Botschaft in jener abstrakten Lektion nach, die ihm der Einsiedler hinterlassen hatte, doch er konnte ihren Wert nicht erkennen und quälte sich zunehmend deswegen. Als er an einem regnerischen Tag Meister Teruya zuhörte, hatte Matsumora einen Blitz der Einsicht, und in einem Augenblick verstand er die tieferliegende Bedeutung der Botschaft, die ihm der alte Einsiedler überlassen hatte: „Die Essenz des Bu(do) liegt darin, unmoralische Erwägungen anzuprangern, Menschlichkeit zu verstehen, einem tugendhaften Weg zu folgen und sein Leben einem dauerhaften Frieden in Okinawa zu widmen.“

 

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Quellen: 
(1) Präfektur Okinawa – Geschichte der Kampfkünste auf Okinawa (Link)
(2) Itosu Kai Canada : Matsumora Kosaku (Link)
(3) Camara, Fernando P.: Tomari-te: The Place of the Old ToTe (Link)
(4) Nagamine Shoshin : Tales of Okinawa's Great Masters
(5) Goodin, Charles C.: Kata – The Living History of Matsubayashi Ryu Karate (Link)